Heimatsehnsucht vs. Prinzipientreue – Janeways Entscheidungen

 

Früh zeichnete sich in Voyager ab, dass Captain Janeway über die Jahre im Delta-Quadranten stets von einem schweren Spannungsverhältnis begleitet werden würde. Auf der einen Seite hatte sie der Crew versprochen, die sich auf dem Rückflug bietenden Möglichkeiten zur Beschleunigung der Heimkehr zu nutzen. Auf der anderen Seite waren da die Sternenflotten-Tugenden, denen sie nicht abschwören wollte, wie sie ebenfalls gleich in Der Fürsorger klargestellt hatte. Dieses Spannungsverhältnis bedeutete, je nach Situation genau abzuwägen und möglicherweise Kompromisse einzugehen. Manchmal, wenn die Voyager besonders schwere Zeiten durchlebte, war es der Druck aus ihrer Mannschaft, der sie bewog, neu über einen Sachverhalt nachzudenken und Wege auszuprobieren, die ihr zuvor indiskutabel erschienen. Gelegentlich war es aber auch Janeways eigene innere Ungeduld und die Last der Verantwortung auf ihren Schultern, die sie dazu trieb, Risiken einzugehen und Prinzipien der Raumflotte hintanzustellen.

 

Was waren Janeways politische Entscheidungen in sieben Jahren Delta-Quadrant? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier einige wichtige Beispiele.

 

1x01/02 Der Fürsorger: Um zu verhindern, dass die fortschrittliche Technologie der Fürsorger-Phalanx in die Hände der Kazon-Ogla fällt und diese die Ocampa unterjochen und ausbeuten können, entscheidet Janeway aus der akuten Notsituation heraus, die Raumstation der sporozystianischen Lebensform zu zerstören. Damit strandet die Voyager im Delta-Quadranten und macht sich bereits eine wichtige Kazon-Sekte zum Feind.

 

1x10 Das oberste Gesetz: Die Voyager stellt Kontakt mit den Sikarianern her, welche über eine Trajektortechnologie verfügen, die das Schiff theoretisch bis zu 40.000 Lichtjahre vorwärts bringen könnte. Als sich herausstellt, dass es gegen die Gesetze der Sikarianer verstoßen würde, die Trajektortechnologie weiterzugeben, bekommt Harry Kim ein geheimes Angebot von einer sikarianischen Gruppe, die bereit ist, die Technologie im Austausch gegen die Literaturbibliothek der Voyager unter der Hand weiterzugeben. Janeway steht nun vor einer schwierigen Entscheidung: Verletzt sie die Regularien der Sikarianer, indem sie illegal mit besagter Gruppe handelt, oder verzichtet sie auf eine Möglichkeit, die Heimreise enorm zu verkürzen? Schweren Herzens entscheidet sie sich für letzteres, doch Tuvok, Torres und Seska beschließen, eigenmächtig zu handeln und einen Trajektor zu erwerben. Als sie das Gerät einzurichten versuchen, kommt es zu einem Unfall, der beinahe das Schiff zerstört; die Trajektormatrix war von vorneherein inkompatibel.

 

1x11 Der Verrat: Da Janeway sich bislang beharrlich geweigert hat, eine der Kazon-Sekten zu ihren Bündnispartnern zu machen, gibt Seska eigenhändig Transporter- und Replikatortechnologie an die Sekte der Nistrim weiter. Kurz darauf gibt es an Bord eines ihrer Schiffe einen Unfall, der aufgrund der Unvereinbarkeit der Sternenflotten- mit der Kazon-Technologie verursacht wird. Als Maje Culluh auftaucht, versucht er zunächst die geheime Technologieweitergabe zu vertuschen. Da bei dem Unfall die von Seska bereitgestellten Komponenten zerstört wurden, legt Culluh Janeway in der Folge nahe, sich im eigenen Interesse bereitzuerklären, Sternenflotten-Technologie zu teilen. Als Janeway dies mit Verweis auf die Oberste Direktive ausschlägt und ihre Bereitschaft bekundet, das Schiff um jeden Preis zu verteidigen, ist – spätestens mit der Flucht der enttarnten Seska auf Culluhs Schiff – das feindliche Verhältnis zur mächtigsten Kazon-Sekte zementiert.

 

2x14 Allianzen: Nachdem sich die Angriffe der Kazon auf die Voyager massiv verstärkt haben und weitere Opfer fordern, lässt sich Janeway von Chakotay und Tuvok überzeugen, nach Bündnispartnern unter den Kazon Ausschau zu halten. Sie entschließt sich zu Verhandlungen mit mehreren Sekten über eine Allianz. Kurz darauf taucht eine Flotte von Trabe-Schiffen auf, zu denen Neelix einen Kontakt hergestellt hat. Janeway lässt sich in der Folge überzeugen, mit Mabis, dem Gouverneur der Trabe, ein Verteidigungsbündnis zu schließen. Unter diesem Eindruck kommt es zu Gesprächen mit einer Reihe von Kazon-Sekten auf dem Planeten Sobras. Diese Verhandlungen scheitern jedoch, da die Trabe einen Anschlag auf die Konferenz verüben, um so die Anführer der großen Kazon-Sekten zu dezimieren. Es stellt sich heraus, dass die Trabe einst die Unterdrücker der Kazon waren, dann im Zuge einer Rebellion geschlagen wurden und nun auf Vergeltung aus sind. Janeway sieht sich in ihren Befürchtungen bestätigt, durch Allianzen das Mächtegleichgewicht dramatisch zu verschieben und in moralisch fragwürdige Aktionen verstrickt zu werden, kündigt das Bündnis mit den Trabe auf und zieht mit der Voyager allein weiter.

 

2x18 Todessehnsucht: Janeway setzt eine Anhörung ein, um über einen Asylantrag eines Q (Quinn) mit Selbstmordwunsch zu entscheiden. In der Folge hört sie sich die Argumente des Q-Kontinuums und Quinns an. Das Q-Kontinuum ist bereit, die Voyager nachhause zu bringen, wenn Janeway im Sinne des Kontinuums entscheidet und den Asylantrag zurückweist. Der Captain lehnt diesen Bestechungsversuch jedoch deutlich ab. Im weiteren Verlauf der Verhandlung gelangt sie zum Schluss, Quinn Asyl zu gewähren. Quinn begeht kurz darauf Selbstmord.

 

3x05 Das Wurmloch: Die Voyager entdeckt ein Wurmloch und in dessen Nähe einen bewohnten Planeten. Es stellt sich heraus, dass zwei Ferengi sich auf diesem Planeten niedergelassen und seither als Götter verehren lassen; sie haben die Kultur der Welt dadurch erheblich beeinflusst. Janeway sieht die Föderation in der Verantwortung für die Kontamination der planetaren Gesellschaft durch die Ferengi und entwickelt einen Plan, um der Kultur zu helfen, sich von ihren ausbeuterischen Ferengi-Vormündern zu lösen. Kurz darauf entkommen die Ferengi durch das Wurmloch und destabilisieren dieses beim Rückflug, sodass es nicht mehr für die Voyager nutzbar ist.

 

3x26/4x01 Skorpion & 5x04 In Fleisch und Blut: Die Voyager dringt in den Borg-Raum ein, ein gewaltiges stellares Gebiet. Kurz darauf stößt sie auf einen laufenden Konflikt zwischen dem Borg-Kollektiv und einer fremden, extrem hoch entwickelten telepathischen Spezies, von den Borg Spezies 8472 genannt. Spezies 8472, die sich nicht assimilieren lässt, ist dabei, die Borg vernichtend zu schlagen und löscht mit jedem Tag Millionen Drohnen aus. Durch Kes‘ telepathische Fähigkeiten erfährt Janeway von den (vermeintlichen) Absichten des aus einem fluiden Raum stammenden Volkes. Janeway gelangt zu dem Schluss, dass es sinnvoll wäre, über ein temporäres Bündnis mit den Borg zu verhandeln, da der Doktor einen Weg gefunden hat, wie Spezies 8472 auf mikroskopischer Ebene angegriffen werden kann. Auf Grundlage dieser Forschung könnten theoretisch die Borg-Nanosonden modifiziert werden, sodass das Kollektiv eine Blaupause zur Bekämpfung des neuen Feindes hätte. Janeway möchte im Gegenzug eine sichere Passage durch den Borg-Raum erzwingen. Mit diesem aktiven Einmischungsvorhaben ist Chakotay nicht einverstanden. Er hält es für unethisch, den Borg einen Vorteil an die Hand zu geben, fürchtet also nicht nur die Konsequenzen für die Mächtesituation, sondern zweifelt auch an der Möglichkeit, mit den Borg ein verlässliches Abkommen zu schließen. Janeway übergeht ihn und nimmt Kontakt mit dem Kollektiv auf. Kurz darauf gelingt es ihr tatsächlich, die Borg zu einem vorübergehenden Schulterschluss zu bewegen, um gemeinsam ein Waffensystem gegen Spezies 8472 zu entwickeln. Trotz verschiedener Zwischenfälle und den Versuchen der Borg, die Voyager-Crew zu erpressen und zu hintergehen, gelingt es letztlich, das Waffensystem fertigzustellen. Nach einem erfolgreichen Test zieht sich Spezies 8472 kurz darauf größtenteils in den Fluiden Raum zurück – die Borg haben die Oberhand gewonnen.

 

Wie Janeway später deutlich machen wird, spielte bei ihren Überlegungen, eine Allianz mit den Borg einzugehen, nicht nur die Möglichkeit einer sicheren Passage durch den Borg-Raum eine Rolle, sondern auch, dass sie Spezies 8472 für eine derart destruktive Kraft und Bedrohung für die Galaxis hielt, dass sie es in dieser Situation für vertretbar erachtete, die Borg mit einer Nanosonden-Waffe auszustatten. Der Umstand, dass 8472 in telepathischer Kommunikation von einem Feldzug gegen die Schwachen sprach, bestärkte sie hierin. Wie sich später herausstellen würde, war 8472 von den Borg attackiert worden, nicht umgekehrt; die Borg waren in den Fluiden Raum eingedrungen und hatten dadurch das Tor für 8472 in den Normalraum aufgestoßen. Eine erneute Begegnung mit Spezies 8472 innerhalb einer sogenannten Terrasphäre, wo eine Invasion der Erde vorbereitet wird, führt anderthalb Jahre nach den Ereignissen aus Skorpion zu Friedensverhandlungen an Bord der Voyager. Janeway nutzt die Möglichkeit, den Vorteil, den sie damals den Borg ermöglichte, wieder auszugleichen, indem sie den Vertretern von 8472 die Nanosonden-Technologie übergibt. Nun gibt es ein Patt mit den Borg, wobei 8472 sich bereit erklärt, sich nun wieder vollständig in den Fluiden Raum zurückzuziehen und diesen mithilfe der erworbenen Technologie effektiv gegen die Borg zu verteidigen. 

 

4x18/19 Das Tötungsspiel &7x09/10 Fleisch und Blut: Die Voyager wird von den Hirogen angegriffen und erobert. Diese führen daraufhin Simulationen mit der Crew auf dem Holodeck durch. Durch medizinische Manipulation hält die Crew diese Simulationen, in denen die Hirogen ihre Opfer erbarmungslos jagen, für die Realität. Aus einem solcher Programme heraus gelingt es Janeway und Seven of Nine, das Schiff zu befreien. Um sich friedlich mit den Hirogen zu trennen und einen Beitrag zu leisten, dass sie nun weniger echte Lebensformen jagen und zu Tode bringen, übergibt sie ihnen die Holodecktechnologie. Dies hat jedoch schwerwiegende Konsequenzen, wie sich Jahre später zeigt, weil die Hologramme, die die Hirogen erschaffen, leiden und beginnen, sich zur Wehr zu setzen.

 

5x15/16 Das ungewisse Dunkel & 6x26/7x01 Unimatrix Zero: Später sieht es Janeway als gerechtfertigt an, weitere Interventionsversuche in Bezug auf das Borg-Kollektiv durchzuführen. Als man eine schwer beschädigte Sphäre entdeckt, fasst sie den Entschluss, diese anzugreifen und eine Transwarpspule von einer Sphäre zu stehlen, um damit die eigene Heimreise möglichst zu verkürzen. Im letzten Jahr mischt sich Janeway zudem aktiv in die inneren Angelegenheiten des Kollektivs ein, als Seven of Nine herausfindet, dass es mit Unimatrix Zero eine Art Traumwelt für einige von einer genetischen rezessiven Mutation betroffene Borg-Drohnen gibt, wo sie während der Regenerationsphase ihre Individualität zurückerhalten und keinerlei Kontrolle unterliegen. Da das Kollektiv kurz davor steht, Unimatrix Zero aufzuspüren und zu vernichten, zeigt sich Janeway aufgeschlossen, den betroffenen Borg-Drohnen zu helfen. Janeway beabsichtigt, diesen geheimen Schutzraum als Waffe gegen das Kollektiv zu nutzen. Sie plant einen Nanovirus am zentralen Plexus eines Borg-Schiffes freizusetzen und so den Mitgliedern von Unimatrix Zero zu ermöglichen, auch im Wachzustand ihre Erinnerungen behalten zu können. Am Ende gelingt es der Borg-Königin, Unimatrix Zero zu vernichten, doch die Königin verliert die Möglichkeit, von der Abweichung betroffene Drohnen zu identifizieren.

 

6x07 Die Zähne des Drachen: Auf der Flucht vor den Turei landet die Voyager vorübergehend auf einem Planeten inmitten einer alten Ruinenstadt, wo die Mannschaft im Untergrund hunderte von Stasiskammern entdeckt. Im Gefolge einer Erweckung eines Vaadwaur namens Gedrin durch Seven of Nine erzählt ihnen dieser, die Vaadwaur seien vor rund neunhundert Jahren als Nutzer eines fortschrittlichen Systems an Subraumtunneln von einer Koalition missgünstiger Völker beinahe ausradiert worden. Janeway hilft Gedrin, andere seines Volkes aus der Stasis zu erwecken, und so etwas wie ein zaghaftes Bündnis zeichnet sich ab. Als sich allerdings herausstellt, dass die Vaadwaur eine weit aggressivere Geschichte haben als Gedrin vorgab und die aufgeweckten Überlebenden die Voyager gewaltsam übernehmen wollen, sieht Janeway sich gezwungen, die Turei zu kontaktieren und darüber zu unterrichten, dass noch Vaadwaur existieren. Die Voyager, durch deren Handlungen die Vaadwaur erst wieder erweckt wurden, überlässt die sich bekämpfenden Schiffe beider Völker sich selbst, ungewiss, welche Folgen die Rückkehr der Vaadwaur für den Delta-Quadranten haben wird.

 

7x25/26 Endspiel: Die Voyager entdeckt in einem Nebel einen gewaltigen Transwarpknoten der Borg, welcher Zugang zum Transwarpnetzwerk ermöglicht. Kurz darauf öffnet sich eine Spalte in der Raum-Zeit, durch die ein futuristisches Shuttle mit einer Admiral Kathryn Janeway aus einem alternativen Jahr 2404 in die Gegenwart gelangt. Wie sich herausstellt, hat Janeways älteres Ich aus der Zukunft massive Verletzungen der Sternenflotten-Direktiven begangen, um die Geschichte, in der die Reise der Voyager erheblich länger dauern und verlustreicher ausfallen wird, abzuändern. Doch auch die Gegenwarts-Janeway übernimmt diese Verhaltensweisen, weil sie sich überzeugen lässt, die Technologie aus der Zukunft (u.a. Transphasen-Torpedos, Ablativschilde) anzunehmen und damit die Voyager umrüsten lässt, um sich so gewaltsam einen Weg zum Transwarpknoten der Borg zu bahnen und diesen zu benutzen. Durch Annahme dieser Technologien trägt sie zu einer Veränderung der Zeitlinie bei, da der Sternenflotte nach der Rückkehr der Voyager nun Technologien zur Verfügung stehen, die sie erst deutlich später entwickelt hätte. Durch die Einmischung der Zukunfts-Janeway wird zudem mithilfe eines speziellen Virus der Unikomplex im Herzen des Borg-Raums zerstört und damit den Borg erheblicher Schaden zugefügt.

 

Fazit: Janeway wird zunehmend interventions- und risikofreudiger. Dem Ziel einer Heimkehr ordnet sie sogar teils schwerwiegende Verletzungen von Grundsätzen der Nichteinmischung und des Zeitlinienschutzes unter.

 

Hinweis: Sämtliches in diesem Artikel verwendetes Bildmaterial entstammt www.trekcore.com (öffentlich verfügbare Screencaps)

 

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